Die Mär von den tausend Wölfen

Wolfsfreunde, Wolfsexperten, einschlägige Verbände und ein frisch von der Presse in diesen Rang erhobener Wolfspapst sind sich einig: Deutschland braucht eintausend Wölfe, nein nicht irgendwelche, bitte nur ausgewachsene (adulte) Tiere, die bitte auch ordentlich und nach nicht für diese Art entwickelten Kriterien (SCALP = Status and Conservation of the Alpine Lynx Population) nachgewiesen sind.

Alle Jahre wieder sie wird sie neu erzählt. Möglichst rechtzeitig bevor das Bundesamt für Naturschutz die Ergebnisse des vergangenen Monitoringjahres verkündet, reicht man sich freudig immer wieder neue Begründungen dafür zu, dass ungeachtet rapide wachsender Bestände der Wolf weiterhin vom Aussterben bedroht sei und sein günstiger Erhaltungszustand in weiter Ferne liege. Absender und Empfänger dieser Nachrichten eint das Interesse, das sie mehr oder weniger direkt vom einst gut inszenierten Wolfshype profitieren und sich diese Pfründe gerne möglichst lange erhalten wollen.

Fakt ist:

Weder die tausend adulten Tiere noch das Gespenst des Aussterbens treffen auf den deutschen Wolfsbestand zu. Diese Behauptungen sind so alt wie falsch. Dazu gilt es einige Fakten zu beachten, die zwar jedermann zugänglich, aber weniger häufig im Zusammenhang publiziert werden:

-    Der Wolf ist in Mitteleuropa nicht vom Aussterben bedroht. Die IUCN stuft ihn HIER mit dem Status „least concern“ als nicht gefährdet ein. Die aktuelle Einschätzung der IUCN bescheinigt den Wölfen hier eine sehr dynamische Entwicklung und die Verbindung zur ihrem baltisch/osteuropäischen Ursprung. Damit werden die gerne gepflegten Begriffe der

-     Isolierten, zuerst deutsch/westpolnischen später mitteleuropäischen Flachlandpopulation des Wolfes hinfällig, wobei der Populationsbegriff in der frühen Euphorie sich wieder ausbreitender Bestände dieser Art teils heftig missbraucht wurde. Der wissenschaftliche Populationsbegriff geriet an politischen Grenzen, besonders an den Außengrenzen der EU gerne in Vergessenheit.

-  Die im 2007 veröffentlichten BfN-Skript 201 „Leben mit Wölfen Leitfaden für den Umgang mit einer konfliktträchtigen Tierart in Deutschland“ veröffentlichten Thesen zur Mindestgröße einer vermeintlich isolierten Population mit 1.000 adulten Tieren basierte eben auf dem Mangel der Erkenntnis, dass es sich bei den Wölfen in Westpolen und Deutschland um den sich zunehmend schneller ausbreitenden Westrand der osteuropäischen Wolfspopulation handelt. Dass diese Zuwanderung überwiegend aus dem nordostpolnischen/baltischen Raum erfolgte, lässt sich bis heute in Deutschland genetisch nachweisen. Die Entwicklung der Wiederbesiedelung Westpolens verlief fast parallel zur Bestandsentwicklung in Deutschland und ist in einem Aufsatz von Nowak et al. (2016) sehr gut beschrieben.

 

Die Large Carnivores Initiative Europe (LCIE) wies in einem Auftragspapier der EU, den „Leitlinien für Managementpläne auf Populationsniveau für Großraubtiere“ aus dem Jahr 2008 in verschiedenen Abschnitten auf die Fehler bezüglich der Teilung von Populationen an administrativen Grenzen hin. Auch die Frage nach der Mindestgröße einer Population, wenn denn die mitteleuropäische eine sein soll, kommt dort zu einer völlig anderen Antwort, die mit 250 adulten Tieren deutlich unter dem bereits heute westlich der Weichsel als frühzeitig und willkürlich festgelegter Grenze belegbaren Bestand liegt.

Alle Berechnungen dieser Art sind Rechenmodelle, die hinsichtlich ihrer Anwendung auf unterschiedliche Tierarten mit Vorsicht zu betrachten sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von der Sorge des Aussterbens stagnierender oder im Niedergang befindlicher Populationen getragen sind. Dies ist ein Umstand, der auf den Wolf im heutigen Mitteleuropa schwerlich zutrifft.

In Kenntnis dieser Hintergründe verkommt die aktuell wieder gerne in die Medien getragene Mär von den 1.000 Wölfen zu einem Mantra, welches angesichts schwindender Argumente für einen uferlos wachsenden Wolfsbestand in Deutschland gebetsmühlenhaft wiederholt wird.

Hauptsache, es glaubt wenigstens noch die eigene Klientel.

 

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