HERDENSCHUTZ - Auf die Spitze getrieben

Die sächsische Lausitz ist zwar nicht die Heimat der deutschen Wölfe, aber hier haben sie sich zur Jahrtausendwende zuerst wieder angesiedelt. Hier durften die ersten Tierhalter in Deutschland wieder die traurige Erfahrung machen, was es heißt, allmorgendlich mit der Sorge an die Koppeln zu kommen, dass Isegrim wieder zugeschlagen haben könnte.

Rund um dieses Geschehen gruppierten sich Wissenschaftler und Experten, oder welche, die das gerne sein wollten und gaben den Weidetierhaltern eine Fülle guter Ratschläge, was man denn alles tun müsse, damit der Wolf, der ja ohnehin (fast)nur Wildtiere frisst, sich nicht ausgerechnet an ihren Nutztieren vergreift. Eines hatten all diese vermeintlichen Helfer gemeinsam: Kaum einer hatte zu dieser Zeit je einen Wolf in der Natur gesehen, geschweige praktische Erfahrung mit dem Herdenschutz in Wolfsgebieten.

Das Ergebnis nannte sich seitdem Wolfsmanagement mit einem gleichnamigen Plan, der in Sachsen nach 2009 im Jahre 2014 mit geringfügigen Änderungen neu aufgelegt wurde. Andere Bundesländer fanden dieses Papier so schön, dass sie es einfach abgeschrieben haben. Ob Original und diverse Kopien dies wert waren oder sind, sollte anhand der Situation im Jahr 20 des „neuen deutschen Wolfes“, denn aus 1998 wurden die ersten Beobachtungen in der Oberlausitz gemeldet, auch von den politisch Verantwortlichen kritisch bewertet werden.

War es bis 2009 ein regionales Vorkommen in einem Gebiet, welches stark durch Tagebaue und Truppenübungsplätze geprägt war, setzte anschließend eine Abwanderung des Nachwuchses auf vermeintlich historischen Wanderwegen (haben Wölfe Geschichtsbücher?) nach Nordwesten ein, die wie bereits 2012 durch Risse belegt, bei Cuxhaven die Nordsee erreichte. Wer die Lausitz und Nordniedersachsen kennt und vergleicht, kann sich bestens vorstellen, dass sich Probleme mit dem Wolf in einem durch Weidetierhaltung geprägten Gebiet völlig anders darstellen als in der Lausitz. Dort gibt es ja nach öffentlicher Darstellung keine Probleme mit dem Wolf, Schäfer und Wolfsmanagement üben Eintracht und sind glücklich und zufrieden! Ist das so?

Glaub man dem, was offiziell verlautbart wird: Ja!

Betrachtet man die stolz verkündeten Statistiken etwas genauer: Nein!

Hört man die betroffenen Tierhalter, wozu es an inzwischen des Öfteren auch in Sachsen veranstalteten Mahnfeuern Gelegenheit gibt: Nein und nochmals nein!

Es sind nicht nur die nackten Zahlen, die auch HIER schon ausgewertet wurden. Es ist auch der Umgang derer, die sich hier auf Staatskosten als Wolfsmanager und Herdenschutzberater betätigen, mit den betroffenen Weidetierhaltern. Der hält Geschädigte teilweise davon ab, Nutztierrisse überhaupt  zu melden, weil Papierkrieg, arrogantes Verhalten und nicht zuletzt die Angst vor folgenden Schikanen die Pfennige nicht wert sind, die im Erfolgsfalle den entstandenen Schaden nur zu Bruchteilen ersetzen.

Entscheidungen fallen nach Gutsherrenart.  Herdenschutzrichtlinien werden ignoriert oder für nichtig erklärt. Kommt das von einem einzelnen Mitarbeiter, mag man ihm im Einzelfall berechtigt Unvermögen unterstellen. Findet sich so etwas in einer Presseinformation des „Kontaktbüro Wölfe in Sachsen“ wieder, die bundesweit verteilt wird, hat sich diese Stelle des letzten Vertrauens beraubt, wenn sie es noch bei der ortsansässigen Bevölkerung in der Lausitz hatte. Das Geld, welches  diese Stelle kostet, wäre als Entschädigung für die geschundenen Weidetierhalter in der Lausitz besser verwendet.

Das könnte am Ende aber nur ein Teil der Lösung sein. Wer im Gegensatz zu den hochgelobten deutschen Wolfsmanagern nicht nur in Sachsen ein wenig über den Tellerrand hinausschaut, sieht bei einigen unserer Nachbarländer, dass man dort weit schneller aus den negativen Erfahrungen mit dem „intensiven Zusammenleben“ von Wolf und Weidetieren gelernt hat. In komprimierter Form gibt es das in einem übersetzten Interview mit Dr. Laurent Garde von der CEPRAM in Frankreich. Es ist die Stellungnahme eines Wissenschaftlers aus einem der absoluten Konfliktgebiete des Herdenschutzes in Europa, was Wolf und Weidetiere angeht, den französischen Seealpen. Nur gut, dass man ihn damals nicht gefragt hat, was er denn vom Wolf in den „richtigen“ Weidetiergebieten Norddeutschlands halte. Verständnis hätte man nicht erwarten dürfen.

Es macht keinen Unterschied, ob man in Gebiete mit historischen oder neuen Wolfsvorkommen und Weidetierhaltung schaut. Dort, wo es zumindest in Grenzen funktioniert und die Schäden in einem erträglichen Maß bleiben, beschränkt man sich nicht auf den passiven Herdenschutz. Wo immer sich Wölfe an geschützten Nutztieren vergreifen, werden sie geschossen. Das ist ein für den eingefleischten Wolfsschützer zwar grausames, aber ein durchaus vernünftiges Regulativ, weil das Wolfsrudel, oder städtisch ausgedrückt, die „Wolfsfamilie“ sehr wohl bemerkt, wann und wo ein Rudelmitglied auf der Strecke blieb. Diesen Zusammenhang verstehen Wölfe mit Sicherheit besser als diejenigen, die meinten, aus zweifelhaften Studien interpretieren zu müssen, dass die „Entnahme“ von Wölfen Nutztierschäden noch verstärken würde. Nur gut, dass diese Studie genau durch das gleiche Institut widerlegt wurde (mehr dazu hier), was von interessierter Klientel nur ungern wahrgenommen wird.

Es sind im Verhältnis nicht viele Wolfsrudel in Deutschland, die regelmäßig Nutztiere reißen, aber haben sie es einmal gelernt, lassen sie nicht davon und werden es an ihre Nachkommen weitergeben. Umso unverständlicher ist es, wenn man sich im „Wolfsmanagement“ nicht dazu entschließen kann, dass zu tun, was in so einer Situation geplant ist:

WÖLFE AUS SO EINEM RUDEL ODER BESSER EIN GANZES RUDEL ZU „ENTNEHMEN“!!!

Die Namen dieser Rudel sind so bekannt wie austauschbar: CUXHAVEN, BARNSDORF/GOLDENSTEDT, WIETZENDORF in Niedersachsen,  ROSENTHAL und BIEHAIN in Sachsen seien als augenfällige Beispiele aus den Rissstatistiken genannt, soweit man diesen Glauben schenken darf.

Alleine für das Rosenthaler Rudel läuft z.Zt. der inzwischen zweite Antrag des Landrates, dort Wölfe zu entnehmen. Der Ausgang ist noch ungewiss, aber die Kommentierung des Geschehens in erwähnter Presseinformation und die Bemerkungen in den Risslisten vermitteln den Eindruck, dass man erneut alles tun wird, die notwendigen und vorgesehenen Maßnahmen gegen dieses Rudel zu verhindern.

Dieses Vorgehen zeigt zum wiederholten Mal und mit zunehmender Deutlichkeit, dass es den Betreibern des Wolfsmanagements völlig egal ist, welche ökologischen, ökonomischen oder sozialen Folgen ihr Handeln hat, Hauptsache, keinem Wolf wird ein Härchen gekrümmt. Gäbe es dort das geringste Wissen über Natur- und Artenschutz und darin bestehende Zusammenhänge, wäre man heute nicht dabei, das Projekt Wolf mit Gewalt vor die Wand zu fahren.

Das alles auf Kosten der Landbevölkerung und des Steuerzahlers.

 

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