Nutztierschäden durch Wölfe 2016 - es gibt neue Zahlen

Der Vergleich der Nutztierschäden in den Bundesländern, soweit dies aufgrund der sehr unterschiedlichen Handhabung möglich ist, kann anhand jetzt vorliegender Zahlen aus vier Bundesländern jetzt weiter komplettiert werden.

Herdenschutz und Nutztierschäden sind seit der Rückkehr des Wolfes ein konfliktträchtiges und Dank des Föderalismus auch sehr vielfältiges Thema. Sechzehn Jahre nach der Meldung des ersten Rudels in der Lausitz befindet sich Deutschland in diesem Fach weiterhin im Stadium des Experimentierens und, wo der Wolf noch nicht angekommen ist, des Theoretisierens. Mit Ablauf des Kalenderjahres bietet es sich an, einmal die Situation in den Bundesländern zu vergleichen, die über nachgewiesene Rudelvorkommen verfügen, und damit auch regelmäßige Nutztierschäden zu verzeichnen haben. Dabei würde es den Rahmen sprengen, jede Regelung jedes Landes en Detail zu beschreiben und zu vergleichen. Aufzuzeigen sind hier vor allem die Transparenz und Verfügbarkeit aktueller Informationen und besondere Stolpersteine für die betroffenen Nutztierhalter.

Der Freistaat Sachsen setzt dazu für das abgelaufene Jahr den Maßstab, was die Aktualität und Transparenz verfügbarer Informationen über gemeldete Nutztierrisse angeht. Chronologisch aufgelistet nach Ort, Art und Anzahl der Tiere, Schutz und Befund gibt es eine Liste, in der sich drei Wochen nach dem Jahresende gerade einmal zwei Fälle mit dem Status „in Bearbeitung“ befinden. Chapeau, das ist in dieser Disziplin ein erster Platz. Alleine, die Sorgfalt der Aufzeichnungen kann bei Auswertung der Zahlen nicht verbergen, dass bei einer deutlich verringerten Anzahl an Übergriffen 42 gegenüber 57 im Vorjahr, erheblich mehr Tiere zu Schaden kamen, 258 gegenüber 173 im Vorjahr. Dabei nahm auch der Anteil der in geschützter Haltung gerissenen Tiere von 72 % auf knapp 84 % zu. Sicher wird dieser prozentuale Anteil auch dadurch vergrößert, dass Schäden aus ungenügend oder gänzlich ungeschützter Haltung mangels Aussicht auf Entschädigung überhaupt nicht mehr gemeldet werden. Nicht zu verleugnen ist aber die Zunahme der absoluten Zahl der Tiere, die in geschützter Haltung gerissen wurden: 2015 - 125, 2016 - 216 + 73 %! Dies sollte für die Verantwortlichen ein Alarmsignal sein, dass der bis dato betriebene rein passive Herdenschutz, der für den Wolf keine direkte Gefahr und damit auch kein Hindernis darstellt und mit zunehmender Erfahrung verschiedener Wölfe bzw. Rudel zu versagen beginnt. Hier ist Umdenken angesagt, wenn der Feldversuch Herdenschutz in Sachsen gelingen soll.

Für Niedersachsen gibt es aus dem Monitoring eine Fülle von Informationen, die für die Nutztierschäden mit einer technisch ausgefeilten filterbaren Tabelle aufwartet. Toll gemacht, übersichtlich und auch für nicht computeraffine Nutzer leicht zu handhaben. Die Kooperation von Jägerschaft und Land hat da ein feines Produkt geschaffen. Die B-Note erzielt einen Höchstwert. Das Format sollte den Mitbewerbern als Beispiel dienen.

Bei der A-Note für den Inhalt, gibt es dafür erhebliche Abzüge! Eine per 20.01.17 Quote von 32,2 % noch nicht oder in Bearbeitung befindlicher Vorgänge, von denen ein nicht geringer Anteil älter ist als 2 Monate, gibt schon zu denken. Bei diesen Fällen weiß auch der Geschädigte noch nicht, ob und wann er denn Bescheid und/oder Entschädigung bekommt. Auffällig ist dabei, dass man sich offenbar sehr schwer tut, wenn es bei den Schäden um Pferde oder Rinder geht, deren Gefährdung bis vor wenigen Jahren in Deutschland, entgegen einschlägiger Erfahrungen aus anderen Ländern, komplett negiert wurden.

Kleiner Hinweis: Wölfe, die im Rudel einen Elch von bis über 500 kg oder ein Wapiti von bis zu 300 kg erbeuten können, haben auch mit einem Shetlandpony von 180 kg oder einer Färse von 250 kg kein Problem, wenn es um den eigenen Hunger geht. Ein kleiner Blick in den Heidekreis oder nach Cuxhaven genügt.

Ein weiterer Punkt ist in dieser Aufstellung zu hinterfragen: Wenn 10 % der geklärten Fälle mit dem Befund „Hund“ abgeschlossen werden, ohne dass bis dato einer dieser Hunde ermittelt werden konnte, geschweige denn gesehen wurde, stellt das den Untersuchungsansatz in Niedersachsen in Frage. Wer von Seiten der zuständigen und damit gutachterlich und für die Ersatzleistung zuständiger Behörde ausschließlich auf den genetischen Nachweis eines Wolfes am Riss abstellt, lässt damit die Geschädigten im Regen stehen, weil diese alleine keinerlei Handhabe gegen einen möglicherweise verantwortlichen Hundehalter haben. Herrenlose Hunde gibt es nach Kenntnis des Verfassers derzeit in Deutschland nicht! Nur ist es häufig nicht zu verhindern, dass Hunde des Tierhalters bei der Feststellung von Rissen zugegen sind und die Reste ihnen vertrauter Herdenmitglieder beschnüffeln - DAS REICHT! - damit sind frische Speichelspuren eines Hundes am Kadaver, die den Wolf und damit auch das Staatssäckel entlasten. Wenn Wolfsberater, Wolfsbeauftragte oder Wildtierbeauftragte, wie immer sie heißen, sorgfältig geschult sind, können sie auch (wenn sie es denn dürfen), eine Risssituation objektiv beurteilen. Sie können einschätzen, was vor Ort passiert ist, aber nicht, wer denn da den Kadaver beleckt hat. Ein weiterer vermeidbarer Mangel in diesen so ansprechenden Tabellen: Kein Hinweis auf den Herdenschutz, ob korrekt, ungenügend oder nicht vorhanden. Kein Hinweis darauf, ob der Riss in einem ausgewiesenen Gebiet der sog. Förderkulisse Wolf, die in Niedersachsen nach Region UND Nutztierart unterscheidet, liegt. Das sind wesentliche Kriterien, um den Erfolg des doch von allen Beteiligten gewollten und einigen Verantwortlichen mit kräftigem Eigenlob bedachten „Managements“ zu bemessen.

Liebes Niedersachsen - B-Note 6.0, A - Note ganz knapp ausreichend mit viel Luft nach oben.

Brandenburg veröffentlicht für seine 26 Wolfsvorkommen per Dezember 2016 und für die Wölfen zuzuordnenden Risse jeweils eine detaillierte Karte. Orte und gerissene Tiere sind in einer Tabelle erfasst, Angaben über den Schutz der gerissenen Tiere fehlen. Ordnet man die Rissorte den schematisch dargestellten Rudelterritorien zu, bleibt festzustellen, dass in drei (10%) der bekannten Territorien, Lehnin, Dobbrikow und Großräschen, 46 % (113 von 247) Tieren gerissen wurden. Ein weiteres Rudel (Görzke) riss ein Viertel der Kälber (6 v. 26) in Brandenburg. Dass sich die Gesamtzahl der Verluste von 97 auf 247 weit mehr als verdoppelte, darf beim Anstieg des Wolfsbestandes auf 26 Territorien plus drei „Suchräume“ nicht verwundern. Der Anstieg der Kälberrisse von 3 auf 26 ist kritisch zu hinterfragen und muss eine Warnung für andere Bundesländer sein.

Jetzt wird’s dunkel!

Für Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lassen sich aktuell vergleichbare Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen überhaupt nicht ermitteln. Es gibt zwar inzwischen aktuelle Wolfsbestandsdaten doch Informationen über aktuelle Nutztierschäden sind nicht frei verfügbar. Wen es interessiert, der lese bitte die Tagespresse.

DANKE - Nicht bewertbar!

Für die beiden letztgenannten Bundesländer kann der interessierte Tierhalter wenigstens noch einen inzwischen sehr anerkannten Presseverteiler nutzen, um sich bei Untätigkeit der vermeintlich um sein Wohl besorgten Obrigkeit rechtzeitig über das nahen Isegrims zu informieren. Dank dafür an den sehr engagierten Betreiber. Wenn das auch noch in seiner Heimat Schleswig-Holstein, meerumschlungen aber dafür noch ohne Wolfsrudel, besser klappt, dann werden Weidetierhalter auch dort durch die Annehmlichkeiten des Informationszeitalters von untätigen oder unwilligen Amtsträgern weniger abhängig sein.

Ob in diesen drei Bundesländern da noch ein Licht aufgeht, bleibt abzuwarten.

Es ist eine spannende Frage, ob das mit ausreichend Vorschusslorbeeren ausgestattete Dokumentations- und Beratungszentrum des Bundes in Görlitz es schaffen wird, etwas Ordnung in die Eigenbrötlerei der genannten Bundesländer zu bringen. Wird man bereit sein, dieser Stelle zuzuarbeiten und mit dem Geschehen vor der eigenen Haustür offener umzugehen? Oder wird man weiter versuchen, zweifelsfrei vorhandene Daten unter Verschluss zu halten. Ohne volle Transparenz und verlässliche wie aktuelle Informationen zu Vorkommen und Ausbreitung des Wolfes und zu den Nutztierschäden wird es keine Chance geben, die heute bereits völlig verfahrene Situation in den Griff zu bekommen. Daran werden die Verantwortlichen aller Bundesländer und die neue Stelle in Görlitz zu messen sein. Ein Jahr nach Einrichtung dieser Stelle war aus dieser Richtung noch nichts zu vernehmen.

Sonst gibt es vier sichere Verlierer: Die Nutztierhalter, den Wolf, das Ansehen der verantwortlichen Behörden und den Naturschutz insgesamt.

Was bleibt, ist vor allem die Erkenntnis, dass uns der Föderalismus beim Wolf einen bösen Streich spielt. Der Wolf kümmert sich um keine Grenzen, ihn halten auch keine Autobahnen, Bahngleise oder breite Flüsse auf. Bei Hunger ist auch ein Elektrozaun kein Hindernis. Er tut dies ohne eigene Schuld, er ist ein Wildtier und er hat nun einmal regelmäßig Hunger. Auch kann er nicht Gut und Böse unterscheiden. Was er aber bestens kann, ist Gefahren zu erkennen und dann auch zu vermeiden. Er wird ohne Not keine Beute angreifen, die ihn verletzen oder töten könnte. Das hatten unsere Vorfahren verstanden und das wissen alle Länder mit aktuellen Wolfsvorkommen. Es wird Zeit, dass dies auch die amtlichen Fürsprecher des Wolfes in Deutschland begreifen und danach handeln.

Rein passiver Herdenschutz wird es auf die Dauer nicht richten.

Das Postulat der ungehinderten Ausbreitung und Vermehrung des Wolfes in unserem Land kann es auch nicht sein, aber das ist ein anderes Thema.

 

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